Bericht: Die Zukunft des globalen Fintech – Von der schnellen Expansion zum nachhaltigen Wachstum (2025)
Im Juni 2025 veröffentlichten das Weltwirtschaftsforum (WEF) und das Cambridge Centre for Alternative Finance die zweite Ausgabe ihres Berichts „The Future of Global Fintech: From Rapid Expansion to Sustainable Growth“. Der Bericht basiert auf Daten von 240 Fintech‑Unternehmen aus sechs Vertikalen (Kreditvergabe, Kapitalbeschaffung, Zahlungen, Banking & Sparen, Insurtech und Wealthtech) und sechs Regionen. Ziel ist es zu untersuchen, wie der Sektor von der durch die Pandemie beschleunigten Hyperwachstumsphase zu einem nachhaltigeren Modell übergeht. Die Forscher analysieren Marktleistung, finanzielle Inklusion, regulatorische Rahmenbedingungen, Partnerschaften mit Banken und den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) und identifizieren Treiber und Hemmnisse für die Entwicklung von Fintechs.
Gesundes Abbremsen des Kundenwachstums
Die Daten zeigen, dass das durchschnittliche Kundenwachstum von 2022‑2023 auf 37 % gefallen ist, verglichen mit 55 % in 2020‑2021 – eine Verlangsamung nach dem pandemiebedingten Boom. Dieses „weiche Landen“ signalisiert die Reife des Marktes: Fintechs konzentrieren sich nun darauf, Wertangebote zu vertiefen, statt bedingungslos Nutzer zu gewinnen. Die Region USA/Kanada führte beim Kundenwachstum (44 %), gefolgt von MENA und Lateinamerika (je 42 %); APAC und Europa lagen nahe am Durchschnitt, und Subsahara‑Afrika wuchs mit 21 % am langsamsten. Die Vertikalen Digital Banking & Sparen, Zahlungen und Wealthtech wuchsen weiter mit über 40 %, während Insurtech und Kapitalbeschaffung sich abkühlten.
Robuste Umsätze und Gewinne
Trotz langsamerer Kundengewinnung bleibt die Branche finanziell stark. Im Jahr 2023 stiegen die Umsätze der Fintechs um 40 % und die Gewinne um 39 %. Schwellenländer wie Lateinamerika und APAC verzeichneten überdurchschnittliche Umsatzraten, während Europa und Subsahara‑Afrika hinterherhinkten. Die Vertikalen Banking/Sparen und Zahlungen sorgten für Zuwächse, während Kapitalbeschaffung und Insurtech die geringsten Anstiege meldeten. Die Integration von kleinen und mittleren Unternehmen und die Zusammenarbeit mit lokalen Finanzinstituten steigerten die Gewinne um 12 % bzw. 9 %.
Finanzielle Inklusion als lukrative Chance
Der Bericht hebt hervor, dass historisch unterversorgte Gruppen entscheidend für das Wachstum sind: 57 % der Fintech‑Kunden sind Kleinunternehmen, 47 % einkommensschwach und 41 % Frauen. Diese Gruppen generieren insbesondere in Schwellenländern erhebliche Umsätze, was zeigt, dass Inklusion und Rentabilität sich nicht ausschließen. Programme zur Finanzbildung und Produkte für Frauen und informelle Unternehmer gelten als Prioritäten.
Zusammenarbeit zwischen Fintechs und Banken
Die Zeit der puren Disruption ist vorbei: 84 % der befragten Fintechs arbeiten mit etablierten Finanzinstituten zusammen. API‑Integrationen (52 %) und Partnerschaften mit Technologieanbietern (41 %) sind die gängigsten Formen; Finanzierungsvereinbarungen und Co‑Branding‑Produkte kommen ebenfalls vor. Hauptgründe für die Zusammenarbeit sind der Zugang zu technologischer Infrastruktur (48 %), gesteigertes Vertrauen und Glaubwürdigkeit sowie Produkt- und Serviceinnovation (jeweils 34 %). Die „Koopkurrenz“ (Kooperation + Konkurrenz) zeigt, dass Fintechs und Banken sich ergänzen können.
Regulatorisches Umfeld und anhaltende Herausforderungen
Die Wahrnehmung der Regulierung hat sich 2024‑2025 verbessert: 62 % der Befragten halten den regulatorischen Rahmen für ausreichend und 35 % sehen hohe Klarheit. Dennoch bestehen Engpässe bei der technischen Kompetenz der Aufsichtsbehörden, der Koordinierung und den Lizenzierungsverfahren. Der Bericht betont, dass der Datensatz aus eingeladenen Fintechs besteht; da er selbst berichtete und begrenzt ist, bildet er möglicherweise nicht das gesamte Ökosystem ab und muss daher vorsichtig interpretiert werden.
Aufstieg der künstlichen Intelligenz
Die KI‑Adoption hat stark zugenommen: 80 % der Fintechs setzen KI in mehreren Bereichen ein, und 91 % verwenden sie für Kundendienst und Prozessautomatisierung. Zu den gemeldeten Vorteilen gehören bessere Kundenerfahrungen (83 %), Kostensenkungen (75 %) und höhere Rentabilität (75 %). Für die nächsten fünf Jahre gelten KI, regionale Interoperabilität, Open‑Banking und Open‑Finance als wichtigste Themen. Gleichzeitig warnen Experten vor Risiken wie algorithmischen Verzerrungen, Deepfakes und KI‑basierten Phishing‑Angriffen, was den Bedarf an ethischer Governance und Datenschutz unterstreicht.
Wachstumsförderer und -hemmnisse
Die wichtigste Wachstumsquelle bleibt die Kundennachfrage sowie der Zugang zu qualifizierten Talenten. Im Bericht betrachten 90 % der Fintechs die Nachfrage als sehr unterstützend oder unterstützend. Die größten Hindernisse sind makroökonomische Bedingungen (18 % sehen sie als nicht unterstützend), die digitale und finanzielle Alphabetisierung der Nutzer (14 %), das regulatorische Umfeld (11 %) und das Finanzierungsumfeld (12 %). Trotz der Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr belasten hohe Zinssätze und weniger Risikokapital weiterhin junge Unternehmen.
Kritik und aktuelle Ereignisse
Obwohl der Bericht ein optimistisches Bild zeichnet, ist Vorsicht geboten. Erstens beruht die Untersuchung auf Selbstangaben ausgewählter Unternehmen, was die Ergebnisse verzerren kann. Zweitens hängt der Wandel zum nachhaltigen Wachstum weiterhin von externen Faktoren ab: anhaltende Inflation, restriktive Geldpolitik und geopolitische Spannungen können die Nachfrage und den Zugang zu Kapital einengen. Drittens birgt die schnelle KI‑Adoption Risiken wie algorithmische Diskriminierung, Datenlecks und den missbräuchlichen Einsatz generativer Modelle, weshalb spezifische Regulierung erforderlich ist. Schließlich zeigen aktuelle Debatten über „Buy Now, Pay Later“ und Pilotprojekte zu digitalen Zentralbankwährungen, dass die Grenze zwischen Innovation und Systemstabilität fragil bleibt. Unternehmen und Regulierer müssen ein Gleichgewicht zwischen Experimentieren und Verbraucherschutz finden.
Fazit
Die Fintech‑Branche ist robust und reift weiter. Der Fokus liegt nun auf dem Aufbau nachhaltiger Geschäftsmodelle, der Ausweitung finanzieller Inklusion und der Zusammenarbeit mit dem traditionellen Finanzsystem. Trotz makroökonomischer Unsicherheiten und regulatorischer Herausforderungen bieten verantwortungsvolle Innovation, öffentlich‑private Kooperationen und bessere Finanzbildung Wege, die in den letzten Jahren erzielten Fortschritte zu festigen.